Warum man in Kroatien nicht Jugoslawisch spricht

By kroatienexpertin | Land & Leute

Sep 07

In Kroatien wird Kroatisch gesprochen. Und Jugoslawien ist längst Geschichte. Eigentlich klar, sollte man meinen. Ein Streifzug durch die Realität zeigt jedoch, dass das nicht allen klar ist: Da regnet es heute noch in Jugoslawien und es gibt Menschen, die gerne "Jugoslawisch" lernen würden... 

"In Jugoslawien regnet es doch auch gerade"

Am Wochenende waren wir in Bayrischzell, hoch oben auf dem Berg. Nicht, dass ich Euch nun etwas über Starkregen im Sommer erzählen möchte, aber es hat mit Kroatien zu tun. Es goss buchstäblich in Strömen und wir hatten ein Familien-Weekend in der Jugendherberge gebucht. Wandern? Unser Plan war buchstäblich ins Wasser gefallen…

Vor dem Ausgang des Gebäudes hatte sich eine Gruppe Gäste versammelt, die gerade aufbrechen wollte. Alle schauten hinaus in den heftigen Regen. Da sagte eine ältere Dame plötzlich: „Ach, das bisschen Regen. In Jugoslawien regnet es doch auch gerade!“. Ich überlegte einen Moment – Jugoslawien? Eine Bemerkung verkniff ich mir jedoch. Als hätte die ältere Dame meine Gedanken gelesen, fügte sie rasch hinzu: „Ich meine natürlich in Kroatien“.

Wer nennt Kroatien heute eigentlich noch Jugoslawien?

Diese Begegnung auf dem oberbayerischen Berg brachte mich zum Nachdenken: Von wie vielen Menschen im Ausland wird das frühere Jugoslawien eigentlich noch als Einheit wahrgenommen? Nur von älteren Menschen, die einst ihren Urlaub in Jugoslawien verbrachten?

Oder ist es einfach Gewohnheit, das Land auch weiterhin so zu nennen? Nun ja. Immerhin haben Kroatien und Slowenien bereits 1991 ihre Unabhängigkeit vom sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien erklärt – also nicht erst gestern, sondern vor immerhin 26 Jahren.

Jugoslawien als Begriff ist Geschichte

Was anschließend vom Vielvölkerstaat übrig blieb, wurde oftmals als Rest-Jugoslawien bezeichnet. Doch selbst die „Bundesrepublik Jugoslawien“ ging 2003 als Begriff in die Geschichtsbücher ein – und wurde per Verfassung vom Staatenbund Serbien und Montenegro abgelöst. Der Begriff Jugoslawien als Staatsname ist also schon seit 14 Jahren in der Mottenkiste der Vergangenheit verschwunden. Zumindest auf dem Papier.

Umgangssprachlich ist es natürlich eine ganz andere Sache. Vor allem, was die Sprache betrifft. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich „etwas mit Kroatien zu tun habe“, kommt oft die Frage, ob ich denn auch „Serbokroatisch“ verstehe. Oder gar der Begriff „Jugoslawisch“ taucht auf. Viele sind im Hinblick auf die Sprachbezeichnung in Kroatien verunsichert und fragen erst mal nach: „Welche Sprache spricht man denn in Kroatien? Früher hieß das ja Serbokroatisch…“.

„Will Jugoslawisch lernen“

Ich befrage das Orakel Google. Zu „Serbokroatisch“ wird mir tatsächlich der Begriff „Serbokroatien“ suggeriert. Ob es wirklich jemanden gibt, der nach "Serbokroatien" googelt? Hmm...

Ich will zudem wissen, ob „Jugoslawisch“ als Bezeichnung für die Sprache wirklich im Umlauf ist oder ob der Begriff nur vereinzelt auftaucht. Google erklärt mir: Jugoslawisch ist das Adjektiv zu allem, was mit Jugoslawien zusammenhängt. Klar. Ganz unten auf der Website suggeriert mir Google allerdings auch: „Jugoslawisch lernen“ – und tatsächlich werde ich in einigen Foren fündig. In einem Bildungsblog will jemand wissen: „Will Jugoslawisch lernen". Die Anfrage ist zwar schon ein Jahrzehnt her, aber da war Kroatien auch schon seit immerhin 16 Jahren selbstständig. Es scheint sich also noch nicht überall herumgesprochen zu haben, welche Sprache man wo spricht.

Serbokroatisch als frühere Dachsprache

Wenn ich es kurz machen will, erkläre ich meinem Gegenüber dann ganz einfach: „Serbokroatisch war früher die Dachsprache im ehemaligen Jugoslawien. Heute haben alle Nationalstaaten, die dort entstanden sind, ihre eigene Sprache: Die Kroaten sprechen Kroatisch, die Bosnjaken – also die muslimischen Bosnier – sprechen Bosnisch, die Serben sprechen Serbisch und die Montenegriner sprechen Montenegrinisch. Alle verstehen einander, niemand braucht ein Wörterbuch - auch wenn es Unterschiede gibt, bei einzelnen Wörtern oder beim Satzbau“.

Wie groß die Unterschiede sind, darüber scheiden sich die Geister. Mein Professor an der (deutschen) Uni pflegte immer zu sagen, dass Kroatisch und Serbisch eine Standardsprache mit zwei Varietäten sind. Andere Sprachwissenschaftler, vor allem in Kroatien, vertreten hingegen die Auffassung, dass Kroatisch und Serbisch zwei eigenständige Standardsprachen seien. Wie gesagt: Kein Kroate braucht ein Wörterbuch, um einen Serben zu verstehen.

Deutsch-Kroatoserbisches Wörterbuch

Kroatoserbisch oder Serbokroatisch?

Wusstet Ihr übrigens, dass man in Kroatien streng genommen eigentlich „Kroatoserbisch“ gesprochen hat? So hieß nämlich die kroatische Variante des Serbokroatischen. Ich habe hier noch ein paar Wörterbuch-Klassiker im Regal, auf denen beide Bezeichnungen stehen: Srpskohrvatski für Serbokroatisch und Hrvatskosrpski für Kroatoserbisch, je nachdem, wo die Wörterbücher herausgegeben wurden. 

Noch ein wenig mehr Sprachverwirrung gefällig? Im Vielvölkerstaat Jugoslawien gab es noch weitere Amtssprachen, etwa das Slowenische und das Mazedonische. Diese beiden Sprachen gehören zwar auch zur Gruppe der südslawischen Sprachen – weichen jedoch vom Bosnischen, Kroatischen, Montenegrinischen und Serbischen, also dem früheren „Serbokroatisch“, ab. Ich formuliere es dann immer so: "Der Unterschied zwischen Slowenisch oder Mazedonisch zu Bosnisch, Kroatisch und Serbisch ist etwa groß, wie zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen". Zumindest, wenn man die kyrillische Schrift nicht berücksichtigt, die von den Mazedoniern und Serben verwendet wird.

Hoffentlich habe ich Euch nun nicht zu sehr verwirrt mit den Begriffen. Diskutiert mit! Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, was die Bezeichnung für Kroatien oder das Kroatische angeht?

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