Warum Italien das schönere Kroatien ist – zumindest für Kinder

By kroatienexpertin | Erleben & Entdecken

Sep 07
Unzählige Strandliegen an der italienischen Adria in Lignano Sabbiadoro

Urlaub an der Adria – das war für mich bislang meist untrennbar mit Kroatien verbunden. In diesem Sommer hat es uns jedoch auf die andere Seite der Adriaküste verschlagen. Ich muss zugeben: Die obere italienische Adria ist herrlich! Vor allem, wenn man Sandstrände mag und noch nicht schwimmen kann.

Plastikliegen unter Sonnenschirmen, in 18 Reihen hintereinander angeordnet: Wer ganz hinten liegt, kann das Meer eigentlich nur noch erahnen. Die Sonnenbrille vergessen? Eifrige Strandverkäufer tauchen wie aus dem Nichts mit neuen Modellen auf. Der Blick fällt auf Tretboote, die zwischen aufblasbaren Riesen-Einhörnern auf dem Wasser kreisen und auf unzählige Kleinkinder, die Sandburgen bauen. Irgendwo dazwischen liegen wir, meine Familie und ich – eingekesselt von unzähligen Plastikschaufeln und Eimern.

Sandstrände, soweit das Auge reicht

Wir sind am Strand von Lignano Sabbiadoro, einem Badeort an der oberen italienischen Adria. Der Ort erstreckt sich nördlich von Bibione, auf halbem Weg zwischen Venedig und Triest. Sehenswürdigkeiten, wie man sie von kroatischen Küstenstädten kennt, sucht man hier vergeblich: Winzige Kirchen mit Fresken, römische Straßenzüge oder malerische Altstadtgassen wie in Istrien gibt es in dem bekannten italienischen Badeort nicht – höchstens einen kleinen Leuchtturm am Strand.

Sonnenuntergang an der italienischen Adria

Leuchtturm von Lignano Sabbiadoro

Dafür gibt es jedoch eine ganz andere Attraktion, die Urlauber anlockt: Sandstrände! Feinster weißer Sand, über mehrere Kilometer! Der Strand fällt überall sehr flach ins Meer ab, ist also ideal für Kleinkinder geeignet. Schnurgerade zieht sich die Küste an der italienischen Adria, ohne zerklüftete Buchten und spitze Felsen, die man aus Kroatien kennt. Badeschuhe, die vor Steinen schützen? Die braucht man in Lignano Sabbiadoro nicht. Dafür kann man aber auch die Schnorchelausrüstung zu Hause lassen, denn Unterwasserbewohner lassen sich hier kaum entdecken: Der sandige Grund, über den unzählige Badegäste streifen, färbt das Wasser trüb.

Bettenburgen als Kehrseite der Medaille

Der vermeintlich perfekte Badeort für Familien mit Kleinkindern hat jedoch einen Haken: Lignano Sabbiadoro prägen Bettenburgen, Camping- und Bungalow-Anlagen sowie Appartementhäuser. Diese werden von kleinen Geschäften eingerahmt, die Luftmatratzen, Hello-Kitty-Strandlaken und Muskel-Shirts mit FBI-Aufdruck verkaufen. Vieles erinnert mit Retro-Touch an die 1970er Jahre, etwa große Betonplatten auf den Gehwegen.

Ich muss zugeben: Die Buchung unseres Sommerurlaubs an der italienischen Adria hat mich ein wenig Überwindung gekostet, denn immerhin schreibe ich Kroatien-Reiseführer und verdiene auch sonst mein Geld mit Kroatien. Aber: Unsere beiden Kinder, drei und fünf Jahre alt, wollten nach unserem letzten Urlaub einfach nur Sand. So viel wie möglich. Bitte Mama, Sandburgen!

Mein Dilemma ist klar: So schön die kroatische Küste ist, so selten gibt es dort Sandstrände. In Istrien muss man schon an die Südspitze fahren, bis zum Sandstrand Bijeca bei Medulin. Das ist ein 1 km langer kroatischer Bilderbuch-Sandstrand. Bis zum Paradiesstrand auf der Insel Rab, der für viele Familien mit Kleinkindern als der schönste – oder zumindest bekannteste –  Sandstrand in Kroatien gilt, sind es noch einige Autokilometer weiter. Und bis nach Dalmatien, wo es einige wenige Sandstrände mehr gibt, etwa um Nin herum, kommen noch mehr Kilometer hinzu. Ein Ausschlusskriterium, wenn man kleine Kinder hat.

Rückblick: Die Entfernung von Süddeutschland siegt, da wir uns zuvor in Südtirol erholen möchten. Meer, Sandstrand, Sonne: das Orakel Google präsentiert mir eine schmucke Ferienanlage in Lignano Sabbiadoro. Ein Kinderspielplatz vor dem eigenen Gartengrundstück, ein großer Grill, ein Außenpool mit netten Animateurinnen, Baby-Disco am Abend und nur wenige Gehminuten bis zum Strand. Die Unterkunft in Lignano Sabbiadoro wird mit einem Klick gebucht. Klingt nach dem perfekten Urlaubsort mit Kleinkindern.

Ohne Italienisch geht es in Lignano Sabbiadoro auch

Mein Italienisch ist ziemlich lausig. Das macht in der gebuchten Bungalow-Anlage jedoch überhaupt nichts: Freundlich und auf bestem Deutsch werden wir empfangen. Der Tabak-Kiosk gegenüber führt gefühlt so ziemlich jede österreichische Regionalzeitung und selbst die Kochanleitung für die Supermarkt-Gnocchi ist auf Deutsch verfasst.

Italienisch lernen für den Urlaub in Lignano Sabbiadoro? Eher nicht!

Italienisch-Kenntnisse braucht man in Lignano Sabbiadoro nicht

In der Pizzeria um die Ecke wird „Pizza Americana“ angeboten, doch der Kellner versteht auch die deutsche Bestellung „Pizza mit Salami“. Die unfassbar gute Eisdiele um die Ecke listet „Zuckerwatten-Eis“, natürlich auch auf Deutsch. Die Animateurin bringt mich – ebenfalls auf Deutsch – dazu, bei der Soft Gym, am Morgen mitzumachen und mich ordentlich zu strecken: „Eins, zwei, drei – und wieder rauf…“, zählt sie – auf Deutsch. Selbst das Blättern nach dem richtigen Wort für „Haben Sie vielleicht ein Baby-Nachtlicht?“ ist unnötig– denn der nette Rezeptionist spricht meine Sprache.

Pizza, Eis und Grillwürstchen

Die Baby-Disco beginnt um 21 Uhr, die Stimmung erreicht mit Luftballons und Zuckerwatte gegen halb elf ihren Höhepunkt. Um halb zwölf folgt die Gutenachtgeschichte auf dem italienischen TV-Sender Rai YoYo. Da hat unser Sandmännchen immerhin schon seit 4,5 Stunden Feierabend. Dafür mahnt ein Schild auf dem Spielplatz zu „Silenzio“ oder dem unglücklich übersetzten deutschen Begriff „Schweigen“ zwischen 14 und 16 Uhr, also Mittagsruhe.

Der Vormittag ist neben Soft Gym für Aqua-Gymnastik am Pool reserviert. Zum Strand schaffen wir es am Nachmittag ohne Bollerwagen, trotz Dreijähriger und gefühlt einem Kilo Sandspielzeug. Mit einem Tretboot kurven wir zwischen den Menschenmassen entlang, fahren Slalom und rutschen kreischend ins Wasser. Am Strand verschwindet schon mal ein Flip-Flop unter einer Sandburg, so eifrig wird in Lignano Sabbiadoro gebuddelt.

Pizza Salami heißt in unserer Stammpizzeria Pizza Americana

Die Abende verbringen wir mit Pizza, Grillwürsten, Gelati und klebrigem Eistee. Oder im Parco Junior von Lignano Sabbiadoro, mit schwimmenden Schwänen, Mini-Jeeps und lustigen Clowns. Der Vergnügungspark für Kleinkinder hat bis Mitternacht geöffnet, noch nach 23 Uhr kommen neue Gäste an. In Deutschland undenkbar. Willkommen in Bella Italia!

Wir leihen uns eine Art Fahrradrikscha, um die Via Centrale von Lignano Sabbiadoro zu erkunden. Das Strampeln geht auf die Waden und der Nachwuchs in der ersten Reihe quietscht vergnügt. Der lokale Busfahrer hinter uns wirkt weniger begeistert. Wir lassen ihn vorbei, er winkt freundlich.

Sand auf dem Marmeladenbrot

Nach acht Tagen kleben so ziemlich überall feinste Sandpartikel. Nicht nur auf unserer Haut, sondern auch auf dem Marmeladenbrot, obwohl das Marmeladenglas nie einen Strand gesehen hat. Den Laptop - in dem der Sand in der Tastatur knirscht! – ersetzt bald schon ein Mega-Schwimmreifen. Ein guter Tausch! In gut einer Woche entwickeln wir uns zu Grillexperten für Čevapčići.

Die Kinder sind selig – und wenn sie es sind, sind wir sind es natürlich auch. „Nächstes Jahr wieder, Mama? Bitte! Nur hier gibt es so gutes Eis! Gelato! Und so viel Sand!“

Sonnenuntergang an der italienischen Adria

Ich habe ein schlechtes Gewissen. „Aber Kinder! Unsere kroatischen Wurzeln! Unsere Sprache! Unsere Kultur!“ Der Nachwuchs schaut mich verständnislos an: „Italien ist doch viel schöner als Kroatien, Mama. Hier gibt es Zuckerwatten-Eis. Und Sandburgen!“

Ich bleibe vage: Vielleicht ist Italien das schönere Kroatien. Und gestehe mir ein: Ja. Zumindest jetzt, in diesem eisverschmierten Augenblick am Strand von Lignano Sabbiadoro, in dem meine Flip-Flops gerade unter einer Sandburg verschwinden und sonst nichts zählt.

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