Mord im Orient-Express in Kroatien

By kroatienexpertin | Kunst & Kultur

Spielt auch in Kroatien: Mord im Orient-Express
Jan 05

Kroatien goes Hollywood! Ich war endlich wieder einmal im Kino: „Mord im Orient-Express“ stand auf dem Programm, die Neuverfilmung des gleichnamigen Kriminalromans von Agatha Christie (1890-1976). Verfilmt wurde der Streifen von Kenneth Branagh, der auch in der Hauptrolle als der brillante belgische Privatdetektiv Hercules Poirot zu sehen ist.

Überhaupt versprach die Starbesetzung einen spannenden Abend – etwa Johnny Depp in der Rolle des Bösewichts, Penélope Cruz als Missionarin, Judi Dench („M“ aus James Bond) als russische Prinzessin Dragomiroff und Michelle Pfeiffer als männerhungrige Diva. Aber – ich muss Euch gleich mal enttäuschen. So spannend und gut inszeniert ich den Film finde – ich will Euch hier keine Filmkritik zu „Mord im Orient-Express“ liefern. Mir geht es vielmehr um ein kleines Detail aus dem Film, das mit Kroatien zu tun hat. 

Der Orient-Express in Kroatien – das ist nämlich eine ziemlich lange Schlüsselszene in dem Film. Der Mord! Die Schar der Verdächtigen! Die Verhöre! All das passiert in Kroatien! Genau genommen spielt sich der Großteil des Films in Slawonien ab, zwischen den beiden Städten Vinkovci - gesprochen: „Winkoftsi“ – und Brod na Savi, kurz: Brod. Heute heißt Brod übrigens heute Slavonski Brod und liegt an der Sava, dem Grenzfluss zu Bosnien und Herzegowina. Der geografische Aspekt ist es wert, die Filmlandschaft ein wenig näher zu untersuchen.

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Wie kommen die hohen berge nach Slawonien?

Doch von vorne: Hercules Poirot ist auf dem Weg von Jerusalem (nicht Syrien, wie im Roman!) nach London. Zunächst setzt er mit dem Schiff nach Istanbul über und dort besteigt er den Simplon-Orient-Express, der ihn nach Calais bringen soll. Istanbul ist schon damals, 1934, also das Jahr, in dem der Film spielt, eine geschäftige Stadt mit vielen Menschen. Im Bahnhof wartet schon der Orient-Express, mit einem opulenten Speisewagen, mit Holzvertäfelung und reichlich nostalgischem Charme. Dass Hercules Poirot noch einen Platz ergattert, verdankt er nur einem Bekannten, den er in Istanbul trifft - und der zufällig Zugdirektor ist und mitreist. Und natürlich ist eine ziemlich illustre Schar an Passagieren und Bediensteten in der Ersten Klasse mit an Bord - bis einer von ihnen ermordet wird. 

Die Filmszenen sind wirklich ein Muss für Eisenbahn-Nostalgiker: Da rauscht die Dampflokomotive mitten durch eine weiße Winterlandschaft, durch schneebedeckte Bergmassive hindurch. In der dunklen Nacht wird kräftig Kohle in Nahaufnahme geschippt:. Da lodert das Feuer im Kessel auf der Leinwand. Alles sieht irgendwie wie in den Alpen aus, in Slowenien vielleicht – das könnte man meinen.

Plötzlich passiert der Mord im Orient-Express in Kroatien

Dann stoppt die Eisenbahn mitten in der Dunkelheit, an einem Bahnhofshäuschen: Vinkovci steht im rechten Bildrand, auf einem nostalgischen Schild zu lesen. Vinkovci ist eine Kleinstadt mitten in Slawonien, ganz im Osten von Kroatien. Früher war Vinkovci ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, heute ist das Städtchen ein wenig in Vergessenheit geraten.

Dann rauscht der Orient-Express in Kroatien weiter durch die Nacht. Die Kameraeinstellung: Ein Schwenk auf die hohen schneebedeckten Gipfel – und plötzlich stürzen riesige Schneemassen den steilen Hang hinab. Die Lokomotive wird verschüttet und entgleist, die drei Passagierwaggons bleiben jedoch auf den Schienen. An dieser Stelle sollten wir einen Blick auf Agatha Christis Romanvorlage werfen: Dort kommt es nämlich nur zu Schneeverwehungen, nicht zu einem Lawinenunglück in den Bergen.  Bis der Mord passiert ... 

Damit das Ganze noch dramatischer wirkt, hängt der Orient-Express in Kroatien in der Neuverfilmung auch noch auf einem Stahl-Viadukt fest, unweit eines Tunnels, der in den Fels geschlagen wurde. Die Filmlandschaft wirkt ziemlich dramatisch, keine Frage.

„Im jugoslawischen Nirgendwo“, nennt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) diese Landschaft. 

Während der Film auf der Leinwand flimmert, frage ich mich, warum dort eigentlich so hohe Berge zu sehen sind? Immerhin war der letzte Stopp in Vinkovci und aus den Gesprächen der Reisegesellschaft heraus ergibt sich, dass der nächste Stopp (Slavonski) Brod sein wird. Folglich steckt der Orient-Express in der Tiefebene fest. 

Nirgendwo in Slawonien gibt es alpine Berge, wie im Film dargestellt

Doch was sieht der Zuschauer auf der Leinwand: Hohe Berge! Schnee! Ausgerechnet in der weitläufigsten kroatischen Ebene, in Slawonien? Nein. Ich bin nicht die Einzige, der das aufgefallen ist. Die weltweit größte Filmdatenbank „Internet Movie Database“ stellt gar 25 Filmfehler (engl. „goofs“) fest, darunter eben jener geographische Makel. Bei Internet Movie Database steht zu lesen: „Zwischen Vinkovci (dem letzten Stopp vor dem Mord) und Brod (heute Slavonski Brod, der Endstation im Film) sind es ungefähr 70 km total flache Eisenbahntrasse. Nirgendwo in der Nähe gibt es alpine/gebirgige Schneelandschaft, wie im Film dargestellt“.

„Vinkovci wurde in die Alpen ausgelagert“, titelte auch das Onlineportal der kroatischen Boulevardzeitung „24sata“ (24 Stunden). Und zeigt auf ihrer Website einen Screenshot des Bergmassivs aus dem Film: Ein Pfeil zeigt nach Vinkovci, einer nach (Slavonski) Brod – und dazwischen schneebedeckte Berggipfel statt der slawonischen Ebene.

Das ließ die User des Portals natürlich nicht kalt, die in ihren Kommentaren den Film teilweise verschmähen, zumindest jedoch verspotten. Ein Nutzer mit dem Namen Aleš versucht, die Wogen ein wenig zu glätten: „Nun sollte also jemand wissen, wie die Gegend zwischen Vinkovci und Brod aussieht. Das ist ungefähr so, als würde sich hier jemand dafür interessieren, wie das Bergrelief von Turkmenistan oder Äthiopien aussieht“, schreibt Aleš.

Womit er ja nicht unrecht hat. Und: Ein Zug inmitten eines schneebedeckten Alpenpanoramas wirkt nun mal effektiver, als irgendwo in der platten Ebene – nicht wahr? Also doch eher ein Kunstgriff statt ein Filmfehler?

Um Euch nicht noch länger auf die Folter zu spannen: Gedreht wurde die Neuverfilmung von "Mord im Orient-Express" nicht in Kroatien, sondern in der Schweiz. Die nachgebaute Dampflok rattert im Film auf der Privatstrecke Sursee-Triengen, im Kanton Luzern gelegen, schreibt die in der Schweiz erscheinende Boulevardzeitung Blick. Daher auch die hohen Berge.

Einige Szenen für Kroatien-Fans

Wie dem auch sei – ansonsten gibt es noch ein paar nette Szenen für Kroatien-Fans. Die hinreißende Michelle Pfeiffer, die verzweifelt auf Männersuche ist, erwähnt gegenüber Hercules Poirot den Bahnhof „Vinkowtschi“. Sie spricht den Ortsnamen dabei wirklich bezaubernd falsch aus, also mit einem „tsch“ statt „ts“.

Zum Freischippen der entgleisten Lokomotive kommt ein Trupp jugoslawischer Arbeiter herbei, in schmal geschnittenen, dunklen Wintermänteln. Im Hintergrund ist ein „Hajde“ zu hören, der in Südosteuropa überall gängigen Aufforderung für „Los geht’s!“ – egal, ob Ihr nun in Bosnien, Griechenland oder der Türkei seid. Ein „(h)ajde“ wird überall verstanden. Und ganz am Schluss – ohne jetzt zu viel zu verraten – ist der Bahnhof mit der Aufschrift "Brod" zu sehen.

Heute nicht mehr möglich: Ein Mord im Orient-Express in Kroatien

Und der "echte" Orient-Express? Die durchgehende Verbindung von Paris nach Istanbul wurde bereits 1977 eingestellt; bis 2009 wurde die Strecke Straßburg-Wien allerdings vom Orient-Express jede Nacht bedient - ehe die Route nach 126 Jahren ebenfalls eingestellt wurde.

Der luxuriöse Venice-Simplon-Orient-Express verkehrt hingegen heute noch - außer im Winter - zwischen Paris und Venedig. An ausgewählten Terminen rattert er zudem von Paris nach Istanbul: Sechs Tage dauert die Reise über Österreich, Ungarn und Rumänien – über Kroatien geht es heute nicht mehr. Ganz billig ist das Vergnügen nicht: Gut 8000 Euro können schon fällig werden – pro Person!

Günstiger geht es auf Papier: Schön bebildert ist der Orient-Express im DuMont Bildband „Unvergessliche Reisen: In legendären Zügen um die Welt“ – da lässt es sich herrlich schwelgen in der Welt der Luxuszüge.

Wenn Ihr nun Lust bekommen habt, die Strecke selbst zu bereisen, muss ich Euch enttäuschen: In Vinkovci stoppt heute nur der Zug aus Zagreb, der über Slavonski Brod fährt. Ab Zagreb müsst Ihr etwa 3,5 Stunden Fahrtzeit einplanen, ab Slavonski Brod sind es gut 35 Minuten. Der Orient-Express in Kroatien? Das ist leider Geschichte.

Sidney Lumet verfilmte „Mord im Orient-Express“ übrigens bereits 1974, ebenfalls mit einer hochkarätigen Starbesetzung. Unter anderem mit dem Oscar-nominierten Albert Finney in der Rolle des Hercules Poirot, Lauren Bacall und Ingrid Bergman, die den Oscar für die beste Nebenrolle erhielt. Diese Fassung gilt als Klassiker unter den Verfilmungen - von denen es bislang fünf gibt. Aber: Hohe Berge hin oder her. Spannend bleibt der Plot bis zu Ende allemal.

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(2) comments

[…] vom kroatischen Kräuterschnaps Travarica, der sich auch gut zum Fenster putzen eignet, mal vom Orient-Express, der durch Slawonien rauscht und mal habe ich einfach meine besten sieben Tipps vertont, wie Ihr […]

Reply

Ja das mit den vielen Fehlern (unterschiedliche Anzahl, Komposition und Ausstattung der Wagen, Brücke und Tunnel nach US-amerikanischem Vorbild, Berge mitten in der ostkroatischen Tiefebene) ist mir auch aufgefallen. Schade, das trübt den Filmgenuss dieses ansonsten sehr pompös inszenierten Remakes doch ganz erheblich. Mich ärgert sowas. Damit hätte man sich ruhig mehr Mühe geben sollen, immerhin dürfte es vielen Fans nur um die Optik gehen, die Mördersuche nur nebenbei.

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